Skip to content

Mehr als drei Jahre ist die Ver­öf­fent­li­chung von ChatGPT her, doch der Staub, der damit 2022 in Schulen auf­ge­wir­belt wurde, hat sich noch lange nicht wieder gesetzt. Dabei scheinen die Pro­bleme, die KI ver­ur­sacht, ebenso groß wie die Hoff­nungen, die daran geknüpft sind.

Da ist es nicht ver­wun­der­lich, dass Künst­liche Intel­li­genz wei­terhin eines der Haupt­themen für Fort­bil­dungen, Schul­ent­wick­lungs­tage und Dis­kus­sionen im Bil­dungs­be­reich bleibt. Der Wunsch nach Ori­en­tie­rung und Halt ist groß, beson­ders da das Feld der Künst­li­chen Intel­li­genz immer größer und unüber­sicht­li­cher wird. Viele Lehr­kräfte stellen sich daher die Frage: Was muss ich jetzt wissen? Aber auch: Was müssen meine Ler­nenden zukünftig noch können?

Wor­über spre­chen wir denn eigent­lich?

Scheinbar wirft Künst­liche Intel­li­genz uns zurück auf die Frage, was wirk­lich wichtig ist. Wie ani­mieren wir zum Lernen? Wie wollen wir die Zeit im Unter­richt nutzen? Welche Lern­kon­zepte tragen noch, wenn Lern­pro­dukte jetzt auf Knopf­druck ent­stehen?

Abbil­dung 1 Grafik von Beat Döbeli Hon­egger

Doch dis­ku­tiert wird nur selten über päd­ago­gi­sche oder fach­liche Prä­missen. Die meisten Gespräche ver­harren an der Ober­fläche oder kreisen sich um Fragen von Daten­schutz, Tools und Trends. Inter­es­san­ter­weise hat sich das in den ver­gan­genen drei Jahren nicht geän­dert und hängt auch nicht davon ab, ob man sich das erste Mal oder schon ver­tieft mit KI beschäf­tigt. Warum ist das so?

Ein mög­li­cher Grund liegt darin, dass es in diesen Dis­kus­sionen gar nicht vor­rangig um Künst­liche Intel­li­genz und ihre Bedeu­tung für Lernen und Schule geht. Viel­mehr lassen sich Fragen wie »Sind Haus­auf­gaben noch sinn­voll?«, »Wie kann ich KI-Betrug erkennen?« oder »Kann ich mit KI meine Kor­rek­tur­last ver­rin­gern?« als sym­pto­ma­tisch für sys­te­mi­sche Pro­bleme.

Bei­spiel: Haus­auf­gaben in Zeiten von KI

Viele Lehr­kräfte ver­su­chen der­zeit regel­mäßig her­aus­zu­finden, ob Haus­auf­gaben auch tat­säch­lich von den Ler­nenden eigen­ständig erle­digt wurden. Das raubt vielen nicht nur Zeit, son­dern auch Nerven. Denn der ein­fache Zugang zu KI-Sys­temen ver­führt dazu – so könnte man ver­muten, lei­dige Haus­auf­gaben ein­fach von der Maschine machen zu lassen.

Das Pro­blem ist aber nicht »KI-gemacht«. Auch vor 2022 wurden Haus­auf­gaben abge­schrieben, von Geschwis­tern erle­digt, aus dem Internet zusam­men­ko­piert oder sogar käuf­lich erworben. Dar­über, inwie­fern es sich nun um eine Häu­fung des »Haus­auf­gaben-Out­sour­cings« han­delt, lässt sich an dieser Stelle nur spe­ku­lieren.

Was aber schon vor dem Auf­tritt vom KI auf dem schu­li­schen Par­kett klar war, ist, dass Haus­auf­gaben ihren eigent­li­chen Zweck, den Lern­pro­zess im häus­li­chen Umfeld zu ver­tiefen, nicht erfüllt haben. Laut Hat­ties Meta­studie Visible Lear­ning weisen Haus­auf­gaben eine Kor­re­la­tion von 0.29 für den Lern­erfolg auf, das bedeutet, es ist kein Effekt nach­zu­weisen (erst ab einem Schwel­len­wert von 0.4 kann man von einem nach­weis­li­chen Ein­fluss auf den Lern­erfolg aus­gehen).1

Die Frage lautet also viel­leicht nicht, ob Haus­auf­gaben in Zeiten von KI noch sinn­voll sind, son­dern mit wel­chen Kon­zepten in Schule Lern­pro­zesse ange­stoßen werden, die auch außer­halb einer 45-Minuten-Tak­tung tragen. Oder gar: Sollte Lernen nicht vor allem wäh­rend der schu­li­schen Lern­zeit pas­sieren, um zum Bei­spiel Benach­tei­li­gung von Ler­nenden aus sozial schwa­chen Fami­lien ent­ge­gen­zu­wirken?2

Dif­fe­ren­zie­rung statt Ein­di­men­sio­na­lität

Die Debatte um den Ein­satz Künst­li­cher Intel­li­genz an Schulen beißt sich also an Themen wie Daten­schutz, Lizen­zie­rung, Tools oder kurz­fris­tigen Anwen­dungs­sze­na­rien fest. Diese ein­di­men­sio­nale Per­spek­tive auf KI in Schule führt nicht selten für Lehr­kräfte zu einem Gefühl von Ohn­macht und Über­for­de­rung. Über­for­de­rung beim Ver­such, über das Feld der Künst­li­chen Intel­li­genz und ihrer Bedeu­tung für Schule einen Über­blick zu gewinnen; Ohn­macht im Ange­sicht teil­weise sehr starrer Vor­gaben, die Schul­alltag und Unter­richt prägen und so den Ein­druck erwe­cken, Lehr­kräfte hätten keinen Hand­lungs­spiel­raum für die eigene Gestal­tung.

Für einen nach­hal­tigen, kon­struk­tiven Umgang mit KI braucht es einen dif­fe­ren­zierten Blick dafür, wie eine lern­för­der­liche Imple­men­tie­rung in Schule gelingen kann. Dabei sind bil­dungs­po­li­ti­sche Prä­missen ebenso zu berück­sich­tigen wie recht­liche, fach­liche und päd­ago­gi­sche. Eine Rück­be­sin­nung darauf, wie Lern­pro­zesse gestaltet und lern­för­der­lich begleitet werden können, ist dabei ebenso hilf­reich wie die eigene Kom­pe­tenz­ent­wick­lung vor­an­zu­bringen (z. B. im Bereich der Data, AI oder Infor­ma­tion and Media Literacy).

Abbil­dung 2 Grafik von Beat Döbeli Hon­egger

Hand­lungs­spiel­räume statt Schock­starre

Um zwi­schen dyna­mi­schen Anfor­de­rungen an Lernen und Unter­richt (z. B. durch die rasanten tech­no­lo­gi­schen Ent­wick­lungen im Bereich der Künst­li­chen Intel­li­genz) und den teils starren Vor­gaben und engen Tak­tungen im Schul­jahr (z. B. durch klare Format- oder Zeit­vor­gaben für Prü­fungen) nicht in eine Schock­starre zu ver­fallen, hilft ein Blick auf die Hand­lungs­spiel­räume, die Lehr­kräfte haben.

Diese Hand­lungs­spiel­räume sind von Schule zu Schule und von Bun­des­land zu Bun­des­land unter­schied­lich groß. Wo er jedoch stets groß ist, ist im eigenen Unter­richt. Die Gestal­tung und Beglei­tung von Lern­pro­zessen ist das Feld der Exper­tise von Lehr­kräften. Sie ent­scheiden nicht zwangs­läufig, welche Kom­pe­tenz mit wel­chem Inhalt erar­beitet wird, aber sie ent­scheiden stets dar­über, wie sich dieser Pro­zess kon­kret aus­ge­staltet.

Tra­di­tion oder Trans­for­ma­tion?

Dabei fällt man­cher­orts gerade im Unter­richt eine Ten­denz zur Ver­fes­ti­gung auf: Manche Lehr­kräfte berichten davon, dass sie mög­lichst kom­plexe, »KI-sichere« Auf­ga­ben­stel­lungen for­mu­lieren oder das Thema KI gar nicht erst bespre­chen, um ihre Ler­nenden nicht auf die Idee zu bringen, sie bei der Bear­bei­tung von Auf­gaben zu bemühen.

Dabei ergibt sich fol­gende Frage: Wenn Künst­liche Intel­li­genz das der­zei­tige Schul­ge­schehen (z. B. Haus­auf­gaben, Prü­fungen etc.) derart an seine (System-)Grenzen bringt, wieso glauben wir dann, mit tra­dierten Methoden (hand­schrift­liche Pro­dukte, ana­loge Arbeits­blätter etc.) und Vor­ge­hens­weisen diesem Pro­blem zu ent­kommen? Viel­mehr ermög­licht KI nun, Unter­richt wei­ter­zu­ent­wi­ckeln und neu über die Mess­bar­keit von Lern­erfolgen zu spre­chen.

Künst­liche Intel­li­genz holt der­zeit alle Akteure im Bil­dungs­be­reich aus ihrer Kom­fort­zone und for­dert ein enormes Maß an Enga­ge­ment, Fort­bil­dung und Beschäf­ti­gung ein, um noch didak­tisch begrün­dete Ent­schei­dungen für die Unter­richts­ge­stal­tung zu treffen. Was Leh­rende (und Ler­nende) der­zeit drin­gend benö­tigen, ist AI Literacy.

Das Pro­blem der AI Literacy

Von AI Literacy bzw. von KI-Kom­pe­tenzen scheint der­zeit überall die Rede zu sein. Es gibt einige Ansätze, den Begriff zu defi­nieren oder Modelle zu ent­werfen und es sind einige Hand­rei­chungen, Leit­fäden und sogar Listen von benö­tigten Kom­pe­tenzen im Umlauf.3 Pro­ble­ma­tisch daran ist, dass der Begriff der AI Literacy nicht ein­fach defi­niert werden kann.

Es gibt einige bekannte Defi­ni­ti­ons­ver­suche. So haben z. B. Long/Magerko 2020 ver­sucht, einen Dis­kus­si­ons­vor­schlag zu for­mu­lieren, der davon aus­geht, dass es sich bei AI Literacy um ein »set of com­pe­ten­cies«4 han­delt. Im Anschluss schlagen sie sech­zehn Kom­pe­tenzen vor, die sich in erster Linie auf tech­no­lo­gi­sches Ver­ständnis und Anwen­dungs­wissen beziehen. Ethi­sche Per­spek­tiven sind zwar genannt, aber nicht weiter aus­ge­führt.

In der Hand­rei­chung Künst­liche Intel­li­genz in der Schule von 2025 wird die Pro­ble­matik der unein­deu­tigen Defi­ni­tion tan­giert. Dort heißt es: „Für den Umgang mit KI-Sys­temen sind zudem spe­zi­elles Wissen und Fer­tig­keiten rele­vant, welche als »AI Literacy« zusam­men­ge­fasst werden. Wäh­rend Art und Umfang der erfor­der­li­chen AI Literacy von Ein­zel­per­sonen wei­terhin dis­ku­tiert werden, gibt es den­noch Vor­schläge zur Kon­zep­tua­li­sie­rung.“5 Hier wird KI-Kom­pe­tenz also als Syn­these aus Wissen und Fer­tig­keiten betrachtet (der Aspekt der Per­for­manz, der Wei­nerts Kom­pe­tenz­be­griff inhä­rent ist, wird nicht auf­ge­griffen). Unstim­mig­keit scheint es dabei weniger beim Kom­pe­tenz­be­griff zu geben als bei der Frage, wie dieser gefüllt werden kann.

Die erwähnten Kon­zep­tua­li­sie­rungs­ver­suche finden sich zum Bei­spiel im aktu­ellen Frame­work der OECD, Empowe­ring Lear­ners for the Age of AI, das AI Literacy als »tech­nical know­ledge, durable skills, and future-ready atti­tudes required to thrive in a world influenced by AI«6 betrachtet. In der Folge werden vier Domänen iden­ti­fi­ziert, in denen sich AI Literacy aus­bildet: enga­ging with AI, crea­ting with AI, mana­ging AI und desig­ning AI. Einen ähn­li­chen Ansatz ver­folgt auch das Kom­pe­tenz­mo­dell von Alles, Falck, Flick und Schulz, das vier Hand­lungs­felder – ver­stehen, anwenden, reflek­tieren, mit­ge­stalten – defi­niert, in denen KI-Kom­pe­tenzen ein­zu­ordnen sind.7

All diesen Ansätzen ist gemein, dass sie AI Literacy bzw. KI-Kom­pe­tenzen einer­seits als dyna­mi­sches Kon­strukt betrachten, dessen kon­krete Aus­ge­stal­tung vom jewei­ligen Nut­zungs­kon­text abhängt. Zugleich werden aber kon­krete Aus­for­mu­lie­rungen von Kom­pe­tenzen vor­ge­schlagen, die Ori­en­tie­rung lie­fern. Diese Diver­genz zwi­schen dem Ver­such, ein dyna­mi­sches Kon­strukt mit sta­ti­schen Kate­go­rien zu belegen, lässt sich nicht ein­fach auf­lösen. Pro­ble­ma­tisch scheint aber, dass dadurch der (Irr-)Glaube ent­steht, man müsse nur bestimmte Dinge ver­stehen und tun (gleichsam Check­listen abhaken) können, um als KI-kom­pe­tent zu gelten. Dabei bedeutet gerade die Kon­text­ab­hän­gig­keit von AI Literacy, dass bspw. Deutsch­lehr­kräfte andere KI-Kom­pe­tenzen benö­tigen als ein Pro­gram­mierer – beide würden aber den­noch auf ihrem spe­zi­fi­schen Feld als »AI lite­rate« gelten.

Zum Ver­hältnis von AI Literacy und Fach­kom­pe­tenz

Wie steht es nun mit Blick auf kom­pe­tenz­ori­en­tierten Unter­richt um AI Literacy, wenn es sich dabei um ein kon­text­ab­hän­giges, dyna­mi­sches Kon­zept han­delt?

Viele Lehr­kräfte fühlen sich im Ange­sicht einer wei­teren Liste an Kom­pe­tenzen, die in den Fach­un­ter­richt imple­men­tiert werden soll, über­for­dert. Zwi­schen Bil­dungs­stan­dards, Kom­pe­tenzen für die digi­tale Welt, Sozial- und Selbst­kom­pe­tenzen erleben sie die KI-Kom­pe­tenz als wei­tere Belas­tung für die wert­volle Unter­richts­zeit. Sie fragen daher oft: »Welche KI-Kom­pe­tenzen kommen nun hinzu?«

Es fragt sich aber, ob dabei tat­säch­lich etwas Zusätz­li­ches hin­zu­kommt (abseits der Nut­zung einer neuen Tech­no­logie). Bei genauem Blick auf die ver­schie­denen Modelle, Frame­works etc. zeigt sich, dass AI Literacy vor­aus­set­zungs­reich ist. Im OECD-Frame­work heißt es bei­spiels­weise kon­kreter, dass zu den Skills, die AI Literacy aus­ma­chen, »cri­tical thin­king« ebenso gehört wie »crea­ti­vity«, »col­la­bo­ra­tion« oder »com­mu­ni­ca­tion«.8 – also die »4K«, die auch im KMK-Stra­te­gie­pa­pier Lehren und Lernen in der digi­talen Welt von 2021 ein­ge­for­dert werden.9

Dem Fach­un­ter­richt wird also nur wenig essen­ziell Neues auf­er­legt bzw. abver­langt. Mehr noch: Mit Blick auf die ein­ge­for­derten »Atti­tudes« wie »respon­sible«, »curious« oder »empa­thetic«10 fragt sich viel­mehr: Was leistet der Fach­un­ter­richt schon längst, das maß­geb­lich zur Ent­wick­lung von AI Literacy bei­trägt?

Kom­pe­tenz­syn­these am Bei­spiel des Schrei­bens

Es han­delt sich bei KI-Kom­pe­tenzen also nicht um etwas »Zusätz­li­ches«, son­dern viel­mehr um eine Anpas­sung des bereits erfolg­reich Eta­blierten mit Blick auf aktu­elle Ent­wick­lungen. Am Bei­spiel der Schreib­kom­pe­tenz lässt sich das nach­voll­ziehen:

Schreiben ist ein Pro­zess des ver­lang­samten Den­kens und Reflek­tie­rens, des Gedan­ken­sor­tie­rens und ‑aus­la­gerns sowie des Sich-Aus­drü­ckens. Um dazu fähig zu sein, erwerben Ler­nende im Laufe ihrer Schul­zeit z. B. Kennt­nisse über ver­schie­dene Text­sorten, deren Aufbau und ihre Funk­tion usw.

In Zeiten von KI ist die Sorge groß, dass diese Kom­pe­tenz nicht mehr umfas­send erworben wird, weil Sprach­mo­delle inner­halb von Sekunden Texte pro­du­zieren und die Ver­su­chung, die Schreib­auf­gaben an die KI aus­zu­la­gern, zu groß ist (einige spre­chen hier von Skill-Skip­ping bzw. De-Skil­ling). Die Aus­gaben von Sprach­mo­dellen sind aller­dings (zumin­dest der­zeit) über­wie­gend schrift­sprach­lich. Das bedeutet, bevor eigen­ständig mit diesen Sys­temen gear­beitet werden kann, um AI Literacy zu för­dern, müssen Ler­nende auf der einen Seite hin­rei­chende Lese- und Schreib­kom­pe­tenzen erworben haben, um die Ant­worten zu ver­stehen. Dar­über hinaus müssen sie auf der anderen Seite die KI über Prompts schrift­lich anweisen und mit den Ergeb­nissen kon­struktiv wei­ter­ar­beiten zu können. Die For­mu­lie­rung eines guten Prompts lässt sich selbst also als Schreib­pro­zess betrachten.

Was hier erfolgt, ist eine Syn­these zwi­schen Fach- und KI-Kom­pe­tenzen. Und auch das OECD-Frame­work for­dert von Lehr­kräften ein: »Edu­ca­tors are encou­raged to embed AI literacy when and where it aligns with their sub­ject and con­text.«11 Um AI Literacy im Fach­un­ter­richt zu för­dern, reicht es also nicht, KI-Tools zu nutzen oder andere Medien nun durch KI zu ersetzen. Es braucht ein fach­lich-didak­ti­sches Urteil der Lehr­kraft, wie die Beschäf­ti­gung mit Künst­li­cher Intel­li­genz im Fach­un­ter­richt zu Lern­fort­schritten führt.

Rand­notiz: Das Pro­blem der ver­schie­denen Cur­ri­cula

KI-Kom­pe­tenz­mo­delle wie das von Alles/Falck/Flick/Schulz, das pra­xis­nahe und ope­ra­tio­na­li­sier­bare Kom­pe­tenzen anbieten möchte, die so »den Aufbau eines KI-Cur­ri­cu­lums der ein­zelnen Schule«12 unter­stützen, sind inso­fern wenig hilf­reich, als es nicht darum gehen kann, Fach­kom­pe­tenz, AI Literacy oder auch digi­tale Kom­pe­tenzen als von­ein­ander los­ge­löste Fak­toren zu betrachten, die ein eigenes Cur­ri­culum benö­tigen. Viel­mehr benö­tigt es eine Ver­zah­nung zwi­schen Fach­lich­keit und Tech­no­logie, um ver­netztes Lernen zu ermög­li­chen.

Wie anfangen?

Wie nun kann man als Lehr­kraft aus dem Gefühl von Ohn­macht her­aus­treten? Wie kann aus der KI-Hetz­jagd zwi­schen neuen Tools und Täu­schungs­ver­su­chen ein gelas­sener Mara­thon werden?

Basie­rend auf Bera­tungs- und Fort­bil­dungs­er­fah­rungen der letzten drei Jahre ist ein erster Schritt, sich der eigenen AI Literacy zuzu­wenden, ohne Sorge zu haben, den Anschluss zu ver­lieren. Lehr­kräfte sind der­zeit ebenso Ler­nende wie ihre Schü­le­rinnen und Schüler. Die Erwar­tung, dass Lehr­kräfte hier einen »Vor­sprung« bräuchten, scheint mir im Ange­sicht der rasanten Ent­wick­lungen auf dem KI-Markt als uto­pisch.

Daher möchte ich diese Impulse und Rat­schläge mit­geben:

  • Gehe mit deinen Ler­nenden (und ggf. Eltern) ins Gespräch. Frage sie, warum und wie sie KI nutzen. Bleibe offen für die etwa­igen Ant­worten, die dir tie­fere Ein­blicke in moti­va­tio­nale Aspekte und Hin­weise auf eine ver­än­derte Unter­richts­ge­stal­tung lie­fern könnten.
  • Stütze dich beim Aufbau deiner eigenen AI Literacy auf »Kon­zept­wissen« statt auf »Ver­si­ons­wissen« (s. Abb. 2). Du brauchst dich nicht sorgen, dass du den Anschluss ver­passt. Es ist nicht so wichtig, immer die neu­esten Tools zu kennen, wenn du ein grund­le­gendes Ver­ständnis der Tech­no­logie (z. B. Sprach­mo­delle) ent­wi­ckelt hast. Diese bildet die Basis für eine grund­le­gende Ori­en­tie­rung und Beur­tei­lungs­kom­pe­tenz.
  • Besinne dich auf deine vor­han­dene fach­liche, didak­ti­sche und päd­ago­gi­sche Exper­tise, die es dir erlaubt, aktu­elle Ent­wick­lungen mit Blick auf Ihre Lern­gruppe ein­zu­schätzen und deinen Schü­le­rinnen und Schü­lern neue Per­spek­tiven auf das Thema zu ermög­li­chen.
  • Tau­schen dich mit anderen aus – über Pro­bleme, Sorgen, offene Fragen und Ideen für den Unter­richt. Dies kann im Leh­rer­zimmer ebenso gelingen wie in Fort­bil­dungen oder auf Social Media.

 

Lite­ratur

  1. Vgl. Zierer, Klaus: Kern­bot­schaften aus John Hat­ties Visible Lear­ning. 2., über­ar­bei­tete Auf­lage.
  2. Schon seit einigen Jahren weisen diverse Bil­dungs­be­richte auf die große Abhän­gig­keit von Bil­dungs­er­folg und sozialer Her­kunft in Deutsch­land hin. Vgl. hier. Neu­este Stu­dien weisen aller­dings darauf hin, dass Künst­liche Intel­li­genz nicht die Ungleich­heit im Bil­dungs­be­reich löse, son­dern sogar weiter ver­schärfen könne: »Dabei können sich einer­seits hehre Ziele wie die inten­dierte Reduk­tion sozialer Ungleich­heit ins Gegen­teil ver­kehren oder scheinbar neu­trale Dia­gno­se­instru­mente zu lauf­bahn­ent­schei­denden Bewer­tungs­in­stru­menten werden.« Röhl/Kirchner: Algo­rith­mi­sche Alchemie – die sozio-tech­ni­sche Repro­duk­tion sozialer Ungleich­heit im Bil­dungs­system. In: Soziale Pro­bleme 2/2023, 34. Jg., S. 276.
  3. Vgl. zum Bei­spiel das OECD-Frame­work Empowe­ring Lear­ners for the Age of AI (2025) oder das Kom­pe­tenz­mo­dell von Alles/Falck/Flick/Schulz: KI-Kom­pe­tenzen für Leh­rende und Ler­nende. Aus der Praxis für die Praxis – eine adap­tier­bare Basis. Blog­bei­trag vom 12.03.2025, S. 3.
  4. »We define AI literacy as a set of com­pe­ten­cies that enables indi­vi­duals to cri­ti­cally eva­luate AI tech­no­lo­gies; com­mu­ni­cate and col­la­bo­rate effec­tively with AI; and use AI as a tool online, at home, and in the work­place.« Long, Duri; Magerko, Brian: What is AI Literacy? Com­pe­ten­cies and Design Con­side­ra­tions. Honu­lulu 2020, S.2.
  5. Scheiter, Katha­rina; Bauer, Eli­sa­beth; Omar­chevska, Yoana; Schu­ma­cher, Clara; Sailer, Michael: Künst­liche Intel­li­genz in der Schule. Eine Hand­rei­chung zum Stand in Wis­sen­schaft und Praxis. Bonn 05/2025, S. 20.
  6. OECD: Empowe­ring Lear­ners for the Age of AI. An AI Literacy Frame­work for Pri­mary and Secon­dary Edu­ca­tion. Review Draft 05/2025, S. 6.
  7. Vgl. Alles/Falck/Flick/Schulz: KI-Kom­pe­tenzen für Leh­rende und Ler­nende. Aus der Praxis für die Praxis – eine adap­tier­bare Basis. Blog­bei­trag vom 12.03.2025, S. 4ff.
  8. OECD-Frame­work, S. 18.
  9. KMK: Lehren und Lernen in der digi­talen Welt. Die ergän­zende Emp­feh­lung zur Stra­tegie »Bil­dung in der digi­talen Welt« (2021), S. 15.
  10. OECD-Frame­work, S. 18.
  11. OECD-Frame­work, S. 8.
  12. Alles/Falck/Flick/Schulz, S. 3.

Dr. Stefanie Junges ist im Landesprogramm Zukunft Schule im digitalen Zeitalter beschäftigt. Als Regionale Fachberatung für das Fach Deutsch gehören die Beratung, Begleitung und Fortbildung von Lehrkräften, Fachschaften und auch ganzen Kollegien im Rahmen von Schulentwicklungstagen zu ihren Kernaufgaben. Seit Anfang 2023 liegt ihr thematischer Schwerpunkt im Bereich der Künstlichen Intelligenz und ihrer Auswirkung auf Schule und Unterricht.

KontaktAppsInfo