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Die zuneh­mende sprach­liche Hete­ro­ge­nität an Schulen stellt eine der zen­tralen Her­aus­for­de­rungen zeit­ge­mäßer Bil­dungs­ar­beit dar. Kann die Nut­zung von KI darauf eine Ant­wort geben?

In nahezu allen Klassen treffen Schü­le­rinnen und Schüler mit unter­schied­li­chen Erst­spra­chen, vari­ie­renden Kom­pe­tenzen in Deutsch als Bil­dungs- und Unter­richts­sprache sowie hete­ro­genen Vor­er­fah­rungen im Bereich der Fremd­spra­chen auf­ein­ander. Für Lehr­kräfte resul­tiert daraus die die Not­wen­dig­keit, einer­seits sprach­liche För­der­maß­nahmen zu eta­blieren, ande­rer­seits aber auch fach­li­ches Lernen zu ermög­li­chen, das diesen dis­pa­raten Vor­aus­set­zungen gerecht wird. Vor diesem Hin­ter­grund rücken digi­tale Tech­no­lo­gien und ins­be­son­dere die in den letzten Jahren massiv wei­ter­ent­wi­ckelten Anwen­dungen Künst­li­cher Intel­li­genz (KI) zuneh­mend in den Fokus fach­di­dak­ti­scher Dis­kus­sionen. KI-Sys­teme bieten nicht nur eine prin­zi­pi­elle Ent­las­tung der Lehr­kraft bei der Erstel­lung und Dif­fe­ren­zie­rung von Mate­ria­lien, son­dern eröffnen neue Formen der aktiven Sprach­för­de­rung, die Schüler:innen selbst­ge­steuert nutzen können.

Im Fol­genden sollen aus­ge­wählte KI-gestützte Tools und Platt­formen vor­ge­stellt und hin­sicht­lich ihres Poten­zials für den mehr­spra­chigen Klas­sen­raum dis­ku­tiert werden. Dabei geht es nicht allein um die tech­ni­schen Funk­tio­na­li­täten, son­dern in erster Linie um die Frage, wie diese Werk­zeuge didak­tisch reflek­tiert ein­ge­setzt werden können, um Sprach­för­de­rung, Schü­ler­ak­ti­vie­rung und Mehr­spra­chig­keits­be­wusst­sein pro­duktiv zu unter­stützen. Ergän­zend wird auf die unab­ding­baren daten­schutz­recht­li­chen Dimen­sionen ein­ge­gangen, die den Rahmen für jede päd­ago­gisch ver­ant­wort­bare Nut­zung bilden.

Lernen mit Assis­tenten

Ein beson­ders schü­ler­nahes und zugleich daten­schutz­sen­sibel ent­wi­ckeltes Bei­spiel ist der Fobizz KI-Assis­tent. Seine Beson­der­heit liegt darin, dass er auf zwei Ebenen ope­riert: Zum einen können Lehr­kräfte die Assis­tenten eigen­ständig »pro­gram­mieren«, indem sie gezielte inhalt­liche Beschrei­bungen und Prompts for­mu­lieren, die das Ver­halten der KI steuern.

So lässt sich etwa ein Assis­tent ein­richten, der als Rol­len­spiel­partner für Hotel­ge­spräche agiert, ein anderer, der Voka­beln abfragt und erklärt, oder ein wei­terer, der Quiz­fragen mode­riert. Die Steu­er­bar­keit durch die Lehr­kraft gewähr­leistet, dass die KI nicht unkon­trol­liert reagiert, son­dern in den didak­ti­schen Rahmen ein­ge­bunden bleibt.

Zum anderen steht auf der Ebene der Ler­nenden ein geschütztes Chat-Umfeld zur Ver­fü­gung, in dem eigen­stän­diges Sprach­han­deln erprobt werden kann. Hier inter­agieren die Ler­nenden mit der KI, üben Dia­loge und erhalten unmit­tel­bares Feed­back. Wenn Ver­ständ­nis­schwie­rig­keiten auf­treten, kann die KI auf Wunsch auch Hilfen in der jewei­ligen Her­kunfts­sprache geben, wodurch ein nied­rig­schwel­liger Zugang zum Lern­ge­gen­stand ent­steht. Der Fobizz KI-Assis­tent fun­giert somit gleich­zeitig als Werk­zeug der Unter­richts­ge­stal­tung und als inter­ak­tiver Spar­ring Partner für Sprach­praxis – eine dop­pelte Funk­tio­na­lität, die ihn für den mehr­spra­chigen Klas­sen­raum beson­ders wert­voll macht.

Dar­über hinaus eröffnen Sprach­mo­delle wie ChatGPT und andere – wenn­gleich in daten­schutz­recht­lich ein­ge­schränkter Form – neue Mög­lich­keiten für die För­de­rung münd­li­cher und schrift­li­cher Sprach­kom­pe­tenzen. In anony­mi­sierten Sze­na­rien lassen sich all­tags­nahe Kom­mu­ni­ka­ti­ons­si­tua­tionen simu­lieren: Bewer­bungs­ge­spräche, Restau­rant­be­suche oder Bera­tungs­ge­spräche im Laden. Ler­nende pro­fi­tieren hier von der adap­tiven Steue­rung des Sprach­ni­veaus: Die KI kann auf ein­fa­chem A2-Niveau kurze Ant­worten lie­fern oder auf B1- und B2-Niveau kom­ple­xere sprach­liche Struk­turen ein­for­dern.

Hinzu kommt der Nutzen als Refle­xi­ons­partner im Schreib­pro­zess: Ler­nende können eigene Texte ein­geben und die KI um Ver­bes­se­rungs­vor­schläge bitten. So erhalten sie indi­vi­du­elle Rück­mel­dungen, die im klas­si­schen Unter­richts­ge­schehen in dieser Inten­sität kaum zu leisten wären. Gleich­zeitig können trans­lan­guaging-ori­en­tierte Auf­ga­ben­stel­lungen inte­griert werden, indem die KI gebeten wird, Begriffe oder Rede­wen­dungen in der Fremd­sprache, in Deutsch und in der Her­kunfts­sprache gegen­über­zu­stellen.

Schreiben trai­nieren

Die schrift­liche Sprach­för­de­rung wird durch digi­tale Schreib­tools wie DeepL Write auf eine neue Ebene gehoben. Anders als her­kömm­liche Recht­schreib­pro­gramme bietet dieses Tool sti­lis­ti­sche Varia­tionen, Syn­onyme und kohä­renz­stei­gernde Vor­schläge. Für Ler­nende im mehr­spra­chigen Kon­text eröffnet sich damit die Mög­lich­keit, Aus­drucks­re­per­toires zu erwei­tern und Sprach­be­wusst­heit zu ent­wi­ckeln.

Didak­tisch inter­es­sant ist etwa eine Auf­gabe, bei der ein Text in der Fremd­sprache geschrieben und anschlie­ßend durch die Anwen­dung sti­lis­tisch opti­miert wird. Anschlie­ßend können Schü­le­rinnen und Schüler reflek­tieren, welche Unter­schiede zwi­schen der eigenen Fas­sung und der KI-Vari­ante bestehen, und daraus Erkennt­nisse über Sprach­ge­brauch gewinnen. Die Nut­zung ver­langt jedoch eine daten­schutz­sen­sible Vor­ge­hens­weise: Da die Texte über externe Server ver­ar­beitet werden, sollten nur anony­mi­sierte oder fik­tive Inhalte ver­wendet werden.

Die För­de­rung münd­li­cher Aus­drucks­fä­hig­keit pro­fi­tiert von KI-Bild­ge­ne­ra­toren wie DALL·E, Per­chance AI oder Stable Dif­fu­sion. Indem Ler­nende Beschrei­bungen ein­geben – idea­ler­weise in der Fremd­sprache –, ent­stehen visu­elle Impulse, die wie­derum als Grund­lage für Sprech- oder Schreib­auf­gaben dienen.

Ein Bei­spiel wäre die Auf­gabe, »una plaza con muchos turistas y un mer­cado« zu beschreiben und anschlie­ßend das gene­rierte Bild zu prä­sen­tieren. Beson­ders moti­vie­rend ist die Mög­lich­keit, auch in der Mut­ter­sprache Ein­gaben vor­zu­nehmen und anschlie­ßend das ent­stan­dene Bild in der Ziel- oder Bil­dungs­sprache zu bear­beiten. So werden krea­tive Sprech­an­lässe geschaffen, die Mehr­spra­chig­keit nicht ver­drängen, son­dern pro­duktiv in den Unter­richt inte­grieren.

Aus Daten­schutz­per­spek­tive ist hier zu beachten, dass DALL·E ser­ver­ge­stützt arbeitet, wäh­rend Stable Dif­fu­sion lokal betrieben werden kann und somit daten­schutz­recht­lich vor­zu­ziehen ist.

Spre­chen und Aus­sprache

Für die gezielte Aus­spra­che­för­de­rung erweisen sich digi­tale Anwen­dungen wie Speech­ling und TalkPal AI als viel­ver­spre­chend. Diese Tools ana­ly­sieren Beto­nung, Into­na­tion und Akzent und geben indi­vi­du­elles Feed­back. Didak­tisch können sie nach der Vor­be­rei­tung von dia­lo­gi­schen Rol­len­spielen oder kurzen Prä­sen­ta­tionen ein­ge­setzt werden:

Die Schü­le­rinnen und Schüler üben ihre Aus­sprache zunächst in einem geschützten Rahmen mit der KI, bevor sie ihre Ergeb­nisse im Plenum vor­stellen. Auf diese Weise gewinnen sie Sicher­heit und treten in der Vor­stel­lungs­phase deut­lich selbst­be­wusster auf.

Für die Arbeit am Lese­ver­stehen und am Wort­schatz bietet Read­lang inno­va­tive Ansätze. Ler­nende können digi­tale Texte lesen, unbe­kannte Wörter mar­kieren und direkt Über­set­zungen sowie per­so­na­li­sierte Lern­karten gene­rieren. Auf diese Weise wird authen­ti­sches Lesen mög­lich, ohne dass Sprach­bar­rieren den Pro­zess abbre­chen. Didak­tisch kann die Lehr­kraft gezielt Texte aus­wählen und zugleich den Ler­nenden die Frei­heit geben, eigene Über­set­zungs­ent­schei­dungen zu treffen – sei es in die Ziel­sprache oder in die Her­kunfts­sprache. Dadurch wird nicht nur Sprach­för­de­rung betrieben, son­dern auch die Eigen­ver­ant­wor­tung im Lern­pro­zess gestärkt.

Schließ­lich ver­dient Whisper beson­dere Beach­tung. Dieses Open-Source-Modell für auto­ma­ti­sche Sprach­er­ken­nung kann lokal betrieben werden, wodurch daten­schutz­recht­liche Bedenken mini­miert werden. Ler­nende können Sprach­auf­nahmen in ihrer Her­kunfts­sprache oder in der Fremd­sprache erstellen, tran­skri­bieren lassen und mit den Tran­skrip­tionen wei­ter­ar­beiten. So lassen sich bei­spiels­weise Rede­bei­träge doku­men­tieren, die dann ins Deut­sche oder in die Fremd­sprache über­setzt und ana­ly­siert werden können. Damit wird nicht nur die münd­liche Sprach­pro­duk­tion geför­dert, son­dern auch eine Brücke zwi­schen Erst­spra­chen und schu­lisch rele­vanten Spra­chen geschlagen.

Unter­richts­vor­be­rei­tung

Auch die Unter­richts­vor­be­rei­tung kann durch KI deut­lich effi­zi­enter gestaltet werden. Mit Anwen­dungen wie Eduaide.Ai oder Magic­School lassen sich Arbeits­blätter, Dis­kus­si­ons­fragen und Auf­gaben in unter­schied­li­chen Schwie­rig­keits­graden gene­rieren. Lehr­kräfte können so ein und den­selben Lern­ge­gen­stand auf meh­reren Niveau­stufen anbieten und damit bin­nen­dif­fe­ren­zierte Set­tings leichter umsetzen. Zwar ist Eduaide.Ai primär als Tool für Lehr­kräfte kon­zi­piert, es trägt jedoch indi­rekt erheb­lich zur Sprach­för­de­rung bei, indem es Ler­nenden Auf­gaben bereit­stellt, die pass­genau auf ihre sprach­li­chen Kom­pe­tenzen zuge­schnitten sind.

Fazit

Zusam­men­fas­send lässt sich fest­stellen, dass KI im mehr­spra­chigen Klas­sen­zimmer eine drei­fache Funk­tion über­nehmen kann…

  1. als Spar­ring Partner, der Ler­nenden unmit­tel­bare und adap­tive Rück­mel­dungen im Dialog gibt,
  2. als Sprach­coach, der Schreib- und Sprech­kom­pe­tenz indi­vi­duell unter­stützt,
  3. als Brü­cken­bauer, der Mehr­spra­chig­keit sichtbar macht und den reflek­tierten Umgang mit ver­schie­denen Sprach­sys­temen ermög­licht.

Vor­aus­set­zung für einen erfolg­rei­chen Ein­satz ist jedoch eine didak­ti­sche Rah­mung durch die Lehr­kraft, die die Inter­ak­tion steuert und reflek­tiert. Ebenso unab­dingbar ist die Berück­sich­ti­gung des Daten­schutzes: Nur wenn die ver­wen­deten Sys­teme DSGVO-kon­form arbeiten, keine per­so­nen­be­zo­genen Daten ver­ar­beitet werden und Schü­le­rinnen und Schüler über den ver­ant­wor­tungs­vollen Umgang mit ihren Daten auf­ge­klärt sind, kann KI im Unter­richt legitim und zukunfts­wei­send ein­ge­setzt werden.

Künst­liche Intel­li­genz ist somit nicht als Ersatz päd­ago­gi­scher Inter­ak­tion zu ver­stehen, son­dern als Erwei­te­rung des didak­ti­schen Instru­men­ta­riums. Sie ermög­licht indi­vi­dua­li­sierte För­de­rung, schafft krea­tive Lern­an­lässe und erlaubt es, die sprach­lich-kul­tu­relle Diver­sität des Klas­sen­zim­mers pro­duktiv zu nutzen.

Für die Fremd­spra­chen­di­daktik eröffnet sich damit ein neues Feld, das tech­no­lo­gi­sche Inno­va­tion und bil­dungs­po­li­ti­sche Ver­ant­wor­tung mit­ein­ander ver­bindet. Ent­schei­dend ist, dass die Lehr­kraft die didak­ti­sche Regie behält – dann kann KI im mehr­spra­chigen Klas­sen­zimmer ihr Poten­zial ent­falten und einen Bei­trag zu einer inklu­si­veren, dif­fe­ren­zier­teren und zukunfts­ori­en­tierten Sprach­bil­dung leisten.

Mein finaler Rat­schlag: ein­fach aus­pro­bieren!

Bitte beachte, dass die Inhalte dieses Blog­bei­trags in der Ver­ant­wor­tung des Autoren liegen.

Gianni Triantis ist Stu­dien­rat am Be­ruf­lichen Gym­na­sium der BBS ME in Han­no­ver mit den Fächern Spa­nisch und Eng­lisch. Wis­sen­schaft­lich ist er am Pro­jekt MULTIK – Mehr­spra­chi­ges Un­ter­rich­ten mit Lern­tech­no­lo­gien und Künst­li­cher In­tel­li­genz an der Leib­niz Uni­ver­si­tät Han­no­ver be­tei­ligt und war dort im Som­mer­se­mes­ter 2025 zu­dem als Lehr­be­auf­trag­ter mit zwei Lehr­ver­an­stal­tun­gen tä­tig.